VR Design: Der Blick in die virtuelle Welt

Die 3D Brille, die VR Nutzer*innen tragen, ermöglicht den Blick in die virtuelle Welt. Dabei werden alle Kopfbewegungen 1:1 in das VR Erlebnis übertragen, wodurch das Gefühl der Präsenz entsteht.

Diese Tatsache führt nun dazu, dass wir beim Design unserer Filme, Spiele und Applikationen für Virtual Reality ganz neu denken müssen. Denn wir haben keine direkte Kontrolle mehr über die Kamera.

Das ist einer der größten Unterschiede zu den bisherigen Medien. Der Umgang mit der virtuellen Kamera stellt uns vor neue Herausforderungen und wir müssen behutsam mit ihr umgehen.

Denn wenn wir hier eine falsche Entscheidung treffen, führt unsere VR Erlebnis zu Übelkeit und Kopfschmerzen, also der sogenannten Motion Sickness oder Virtual Reality Sickness.

Grundsätzlich ist es wichtig, dass die 3D Welt und virtuellen Elemente immer auf die Kopfbewegungen der Nutzer*innen reagieren. Und das gilt nicht nur für z.B. die Spielewelt selbst.

Auch alle Menüs, wenn das Spiel pausiert ist oder wenn das nächste Level geladen wird: die Kopfbewegungen sollte ständig 1:1 in die virtuelle Welt übertragen werden.

Die SteamVR API geht sogar so weit, dass ein leerer, gekachelter Raum gezeigt wird, wenn die VR Applikation so komplex ist, dass nicht zuverlässig viele Bilder pro Sekunde berechnet werden können. Dadurch wird sichergestellt, dass keine Standbilder im Sichtfeld „festkleben“ und dadurch die Wahrnehmung irritieren.

Freiheit bringt neue Herausforderungen

Diese Vorgehensweise bringt dann aber neue Fragen mit sich. Denn wenn wir die digitale Kamera nicht beeinflussen, können Spieler*innen beispielsweise ihren Kopf einfach durch eine Wand stecken oder sogar ganz durch sie hindurch laufen.

In klassischen Spielen wird der Spielcharakter einfach in der Bewegung gestoppt, diese Möglichkeit haben wir in VR nicht. Zumindest nicht ohne negative Nebeneffekte.

Doch zum einen passiert es durch die hohe Glaubwürdigkeit der virtuellen Realität sehr selten, dass jemand sich traut oder sogar den Wunsch hat durch die virtuelle Barriere zu gehen. Zu hoch ist der innere Widerstand durch das Unterbewusstsein.

Und zum anderen haben wir technische Möglichkeiten um diese Art des Schummelns zu verhindern. Eine Variante wird in diesem Artikel zu sogenannten Wandportalen beschrieben:

Ab durch die Wand: Durchdringen verhindern

Eine weitere Möglichkeit ist es dieses Problem als Vorteil zu sehen und es in die virtuelle Welt zu integrieren. So hat es zum Beispiel Audi bei ihrer virtuellen Autopräsentation gemacht. Wer dabei den Kopf in die Motorhaube steckt, wird von einer wunderschönen Darstellung des Innenlebens überrascht.

Audi erlaubt die virtuelle Entdeckung des Auto-Innenlebens

Mit dem Kopf durch die reale Wand

Die Freiheit sich uneingeschränkt im Raum zu bewegen bringt eine weitere, ganz praktische Herausforderung mit sich: wie verhindern wir, dass Nutzer*innen über ihr Sofa stolpern oder sogar mit voller Wucht in eine Wand laufen?

Die hierfür ausgereifteste Lösung ist das Chaperone System, bei dem Hinweise in der virtuellen Welt eingeblendet werden, wenn wir zu nah an die realen Begrenzungen kommen. So können wir uns immer darauf verlassen, dass wir sicher sind und weder uns noch anderen Personen schaden.

Praktischerweise ist dieses System in die SteamVR API integriert und wird stetig ausgearbeitet. Falls notwendig, können wir jederzeit unsere eigene Implementierung entwickeln. Zum Beispiel um es besser in den Stil unserer virtuellen Welt zu integrieren.

Die Vive hat in diesem Zusammenhang noch ein sehr spannedes Feature: eine in die VR Brille integrierte Kamera. Mit einem Knopfdruck kann so die reale Welt über die virtuelle Welt überlagert werden. So können wir sehen was ausserhalb des VR Headsets passiert, ohne es abnehmen zu müssen.

Manipulation wenn es sein muss

Sollte es aber so sein, dass du in der Entwicklung deiner VR Applikation nicht darum herumkommst die virtuelle Kamera zu beeinflussen, gibt es ein paar wichtige Grundregeln.

Zum einen solltest du niemals die Rotation der Kamera verändern oder in irgendeiner Form manipulieren. Und zum anderen ist es zwar machbar die Position der Kamera zu verändern, doch sollte die Bewegung sehr langsam sein und so eingerichtet sein, als würde sich die Platform auf der wir stehen bewegen – die Kopfposition muss weiterhin eins zu eins übertragen werden.

Das Team des VR Erlebnisses Everest hat Kamerafahrten genau so umgesetzt und noch ein interessantes weiteres Detail hinzugefügt: während der Fahrt wird das Blickfeld auf die virtuelle Welt auf die Größe einer Kinoleinwand eingeschränkt. Erst bei den interaktiven Szenen wird wieder die 360° Darstellung aktiviert.

Eine bessere Methode ist das Blinzeln

Eine sehr effektive Methode ist das sogenannte Blink System. Bei diesem werden Nutzer*innen in der virtellen Welt zu eine neuen Position direkt teleportiert.

Beim Übergang wird das Bild für einen kurzen Moment schwarz. Das fühlt sich wie ein Blinzeln an und funktioniert überraschend gut. Denny Unger von Cloudhead Games erklärt das System in diesem Video sehr anschaulich:

Das Spiel Budget Cuts hat diese Methode aufgegriffen, raffiniert und als Spielmechanik integriert. Dabei kann über ein kleines Portal das an den Controller angeheftet ist, die neue Position entdeckt und aus verschiedenen Blickwinkeln ausgespäht werden. Wie elegant das Ganze funktioniert, kannst du dir in diesem Video ansehen:

Die Aufmerksamkeit lenken

Da wir nun nicht mehr den Blickwinkel und Kameraausschnitt direkt kontrollieren können, müssen wir uns mit anderen Werkzeugen behelfen um die Geschichte unseres VR Erlebnisses zu erzählen.

Vor allem können wir uns hier bei den erprobten und verfeinerten Techniken vom Theater und Zirkus bedienen. Denn in diesen Bereichen ist es schon immer notwendig gewesen die Aufmerksamkeit der Zuschauer*innen zu lenken, sodass wichtige Elemente und Ereigenisse des Auftritts nicht untergehen.

Der intelligente Einsatz von Licht, Ton und Bewegung spielt hier eine wichtige Rolle und wir werden in zukünftigen Artikel genauer auf dieses umfangreiche Thema eingehen. Denn der Einsatz dieser subtilen Techniken führt zu unglaublich spannenden und lebendigen Erlebnissen, bei denen wir die Vorteile des neuen Mediums voll ausschöpfen können.


Die Technik verstehen

Mit diesem Wissen über den Umgang mit der virtuellen Kamera, werden wir uns im nächsten Artikel die technischen Grundlagen bei der VR Entwicklung genauer ansehen.

Denn wenn wir verstehen was im Hintergrund passiert, wissen wir worauf wir bei der Umsetzung genau achten müssen um hochqualitative Virtual Reality Erlebnisse entwickeln zu können.

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