Methodische VR Entwicklung

Nicht nur dadurch, dass VR ein sehr junges Medium ist, stellt die Entwicklung von Virtual Reality Projekten eine große Herausforderung dar.

Gleichzeitig sind die Möglichkeiten und Abhängigkeiten so vielfältig, sodass wir mit einer sehr große Komplexität umgehen müssen.

Wie wir diesem Anspruch entsprechen können um richtig gute VR Projekte zu entwickeln, sehen wir uns in diesem Artikel an.

Nachdem wir uns im Laufe dieser Artikelserie einen Überblick über die wichtigsten Merkmale der VR Entwicklung gemacht haben, kommen wir in diesem Artikel mit dem wichtigsten Werkzeug für dich als VR Entwickler*in zum Finale: der iterative Entwicklungsprozess.

Auch lernen wir warum du dir selbst nicht immer vertrauen kannst und was es mit dem Begriff „VR legs“ auf sich hat.

You have to be super experimental and be willing to accept that a lot of the old ways of doing things just do not work at all anymore.
Joel Green von Cloudhead Games, Entwicklerstudio von The Gallery

Der Iterative Entwicklungsprozess

Grundlegend geht es bei diesem Prozess darum nicht zu weit und zu viel zu planen, sondern die Änderungen und Ideen immer wieder zu testen.

Innerhalb dieser kurzen Kreisläufe erkennst du viel schneller was funktioniert und welche Aspekte deines VR Erlebnisses du verbessern musst. So kommst du viel effektiver zum Ziel und in den meisten Fällen auch zu einem besseren Ergebnis.

Gerade für die Virtual Reality Entwicklung sind diese regelmäßigen Feedback-Schleifen sehr wichtig.

Der Prozess, den ich dir hier vorstelle, besteht aus drei Schritten: Planung, Umsetzung und Analyse. Und er wiederholt sich immer wieder.

Dabei erstellst du Prototypen, lernst direkt von Benutzer*innen und verbesserst das Projekt stetig mithilfe von neuen Erkenntnissen.

Tatsächlich enstehen oft tolle Ideen durch Zufall — oder wie Bob Ross sagen würde, durch „happy accidents“. Es gibt unzählige VR Projekte die teilweise oder sogar ganz in ihrer Form verändert wurde, durch spannende Entdeckungen im Laufe der Entwicklung.

VR Erlebnissen können nicht über Zahlen geplant oder auf Anhieb perfekt geplant werden. Auch gibt es im VR Bereich weniger Geschichte und Standards auf die du zurückgreifen kannst, im Vergleich zu anderen Medien.

Mit ein wenig Programmiererfahrung kann jede*r sehr schnell einfache Prototypen entwickeln um eine Idee auszutesten oder zu verfeinern.

Wenn es über die Grundlagen hinaus geht, sind natürlich umfangreichere Programmierkenntnisse notwendig — aber ich empfehle allen die im VR Bereich arbeiten wollen sich grundlegendes Wissen in der Programmierung anzueigenen.

Die Möglichkeit selbst Ideen direkt in VR auszuprobieren und damit herumzuspielen ist befreiend und führt zu noch besseren und kreativeren Lösungen.


1: Die Planung

Du beginnst mit einer Idee oder Projektvorgabe und planst im ersten Schritt das Projekt. Doch bedenke in dieser Phase, dass du lediglich den nächsten Schritt planen musst: was ist eine erste kleine Stufe, die du in der Umsetzung nehmen kannst?

Hüte dich davor zu weit oder umfangreich zu planen. Das kostet dich zu viel Zeit und vor allem planst du für Bereiche deren genaue Form du noch gar nicht kennst.

Erst im Laufe der Entwicklung wirst du Antworten auf anfängliche Fragen beantworten. Aber vor allem weißt du zu Beginn noch gar nicht welche Unbekannten noch auf dich zukommne. Also verrenne dich in der Planungsphase nicht zu sehr und versuche nicht jedes Detail ausformuliert zu haben.

Konzentriere dich zu Begnn vor allem auf die zentrale Idee, die elementaren Bausteine des Projekts. Soll es eine virtuelle Bogenschieß-Simulation werden? Dann konzentriere dich erstmal auf die Handhabung von Pfeil und Bogen, bevor du überhaupt an die Landschaft, das Menü oder die korrekte physikalischen Berechnungen machst.

Natürlich ist das übergreifende Ziel wichtig und das solltest du nicht aus den Augen verlieren. Aber hierbei reicht eine grobe Definition um Entscheidungen während der Entwicklung daran ausrichten zu können.

…spend time in it, and listen to what it does good.
Then develop an experience around that.
Patrick Hackett von Skillman & Hackett (Tilt Brush)

2: Die Umsetzung

Nachdem du in der Planungsphase den nächsten sinnvollen Schritt bzw. die nächste Verbesserung überlegt und vorbereitet hast, kann es nun in die Umsetzung gehen.

Dabei entwickelt du entweder einen Prototypen — beispielweise für eine Interaktion, die später im Erlebnis wichtig ist — oder optimierst einen bestehenden Aspekt des Projekts, basierend auf den Erfahrungen die du in der Analyse und Planung gemacht hast.

Prototypen sind sehr hilfreich, da du die Idee oder Funktion erstmal gesondert vom restlichen Projekt ausprobieren und verfeinern kannst. Dadurch sind die Abhängigkeiten geringer und der Aufwand deutlich kleiner.

Bei der tatsächlichen Entwicklungsphase solltest du auch immer darauf achten den Fokus auf den relevanten Bereich zu legen. Bist du zum Beispiel gerade dabei eine Pfeil und Bogen Interaktion zu prototypisieren, ist es sehr sinnvoll, dass du dich auf die Programmierung der Interaktion konzentrierst und alles andere ersteinmal ausser Acht lässt.

In diesen Situationen kannst du dir in einem Asset Store die fehlenden Elemente hinzuholen. Im genannten Beispiel könntest du dir einfach die 3D Modelle für Umgebung, Pfeile und Bogen in diesem Store suchen und als Platzhalten in deinem Prototypen einsetzen.

Später wenn du mit der zentralen Mechanik und Interaktion zufrieden bist, kannst du — falls notwendig — dich an das Verfeinern der Grafiken machen.

Grundsätzlich solltest du dich auch immer auf das konzentrieren das du gut kannst und dir Spaß macht. Wenn möglich gibst du alle anderen Aufgaben an andere Personen ab oder behilfst dir mit Assets aus einem Store.

Wenn du dich noch nicht so gut in Sachen Programmierung auskennst, trotzdem deine ersten Ideen in der virtuellen Welt austesten möchtest, empfehle ich dir PlayMaker für Unity, ein einfaches Werkzeug um visuell zu programmieren.

Try to make as many different prototypes as you can. There’s a lot of discovery.
Justin Liebregts von Futuretown (Cloudlands: VR Minigolf)

3: Die Analyse

Nachdem du einen Prototypen entwickelt oder einen Teilaspekt deines Projekts verbessert hast, ist der nächste Schritt das Testen und Analysieren.

Dieser dritte Teil des Prozesses ist sehr wichtig und zentral für die Entwicklung hoch qualitativer VR Projekte. Denn erst im Test wirst du entdecken welche Ideen aus der Planungsphase in Virtual Reality tatsächlich funktionieren.

Dabei solltest du natürlich selbst und dein Team regelmäßig die VR Brille aufsetzen und die Neuerungen im Projekt erleben.

Aber genauso wichtig ist es, dass du an wichtigen Stellen im Entwicklungsprozess — zum Beispiel wenn es um zentrale Interaktionsformen geht — andere Personen einladen dein VR Erlebnis zu testen und Feedback zu geben.

Bedenke dabei, dass verschiedene Personen ganz unterschiedlich auf VR Erlebnisse reagieren und informiere dich auch wie oft sie schon Virtual Reality erlebt haben.

Denn wer häufig in den virtuellen Welten abtaucht, entwickelt beispielsweise mit der Zeit eine Resistenz gegenüber Motion Sickness. Was oft als „VR legs“ bezeichnet wird.

You can never know how good something’s
going to be in VR until you try it out...
Alex Schwartz von Owlchemy Labs (Job Simulator 2050)

Andersherum werden Personen, die noch nie vorher eine VR Brille verwendet haben, möglicherweise ersteinmal von den vielen neuen Eindrücken so überladen sein, dass ihre Reaktion auf dein VR Erlebnis ebenfalls verwaschen ist.

Häufig bekommst du direkt Vorschläge was aus der Sicht der Tester*innen eine bessere Lösung wäre. Hier solltest du vorsichtig sein und diese Lösungsvorschläge nicht direkt so umsetzen sondern als Inspiration sehen.

Denn die Tester*innen haben nicht den Überblick und die Vision zum Projekt wie du es hast. Daher bist du in einer besseren Position um einzuschätzen was in das Gesamtkonzept passt und was nicht.

Aber du solltest genau hinhören und falls notwendig weitere Fragen stellen um auf das tatsächliche Problem, den Kern der Vorschläge zu kommen. Denn genau diese Rückmeldungen sind sehr wertvoll.

Nehme sie mit in die nächste Planungsphase und du wirst begeisterst sein welche neuen Ideen und Verbesserungen sich daraus ergeben!

Ganz zentral bei VR Projekten ist das Erlebnis als Benutzer*in — oft als User Experience, kurz UX, bezeichnet. Wenn du im Laufe deiner Entwicklung die UX stetig verbesserst, dann bist du auf dem richtigen Weg.


…und wiederholen!

Nachdem du die drei Phasen einmal durchgegangen bist, hast du viele Erfahrungspunkte dazu gewonnen.

Nun geht es wieder an den Anfang des Prozesses, die Planungsphase. Hier kannst du dein neues Wissen in konkrete nächste Schritte umwandeln.

Die Dauer eines Durchgangs dieser drei Phasen ist ganz unterschiedlich. Von wenigen Minuten — du änderst eine Variable in der Programmierung und testest die Auswirkungen — bis einigen Tagen oder sogar Wochen ist alles möglich.

Außerdem solltest du dich nicht zu steif an einen Prozess halten und falls es deine Arbeitsweise oder das Projekt wünscht ändere den Prozess ab oder entwickle einen neuen. Wichtig ist lediglich, dass du einen Prozess hast den du bewusst — aber nicht zu streng — befolgst.

Ditch everything you know about game design, and just try to think of everything as new.
Joachim Holmér von Neat Corp (Budget Cuts)

Wenn du am Anfang deines VR Projekts stehst und Rat suchst oder mitten in der Entwicklung stehst und Feedback benötigst: melde dich gerne bei mir!

Nach dieser spannenden aber sehr theoretischen Artikelserie zu qualitativen VR Erlebnissen, werden wir uns demnächst wieder konkreteren Themen widmen.

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